Raum, Erinnerung und Barrieren
2025 / Bachelor
Der städtische Alltag meiner Grossmutter in Gossau
Visual Essay von Carmen Fust
Das Gehen wird von de Certeau als eine Form der Aneignung des städtischen Raums verstanden (de Certeau, 1988). Fussgänger:
innen schaffen ihre eigenen Routen und Bedeutungen durch ihre Bewegung, die von den vorgegebenen städtischen Planungen abweichen können (de Certeau, 1988). Aber wie verhält es sich, wenn man gezwungen ist, diese vorgegebenen Strukturen zu umgehen, weil man die geplante Route aus verschiedenen Gründen nicht bewältigen kann? In meinem Essay erzähle ich, wie meine Grossmutter, 89 Jahre alt, Gossau begeht, und anhand der Bilder wird aufgezeigt, wie sie die Stadt sieht und wie ich sie sehe.
Die Strassen von Gossau sind heute mit einer dünnen Schicht Neuschnee bedeckt, der die Stadt wie mit einem weissen Leintuch überzieht. In meinen Gedanken muss ich an meine Grossmutter denken, die zu Hause sitzt und nur noch 5 % Sehkraft in ihrem rechten Auge hat, im linken ist sie blind. Wie kommt sie durch die Stadt? Wie überwindet sie die vielen Hindernisse, die ihr im Weg stehen, besonders die Treppen?
In meinen Beobachtungen fällt auf, dass Gossau, wie viele andere Städte, nicht inklusiv gestaltet ist. Die Stadt ist übersät mit Treppen, und es fehlen oft Handläufe und Rampen. Betrachtet man Gossau aus der Perspektive von Blinden oder mobilitätseingeschränkten Personen, wird schnell klar, dass die Stadt nicht gerade gut begehbar ist. Der urbane Raum ist häufig auf eine „normale“ oder „durchschnittliche“ Nutzererfahrung ausgerichtet, wobei die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen unzureichend berücksichtigt werden (Hamraie, 2017). Im Austausch mit meiner Grossmutter erzählte sie mir, dass es für sie nahezu unmöglich ist, alleine nach draussen zu gehen, seit ihre Sehkraft so stark eingeschränkt ist. Blinde Menschen werden gezwungen, die Strukturen der Stadt mit anderen Sinnen wahrzunehmen. Der Raum wird nicht durch den visuellen Eindruck, sondern durch Berührung, Klang und andere Sinneseindrücke vermittelt (Pallasmaa, 2012). Die Begehung der Stadt, wie sie meine Grossmutter macht, spiegelt somit viele Aussagen von Juhani Pallasmaa im Text Die Augen der Haut wider. Denn früher konnte sie sich noch an den Randsteinen orientieren, die heller waren, sowie an den Fussgängerstreifen, die sich deutlich vom Asphalt abhoben (E. Fust, mündliche Aussage). Zusätzlich benutzte sie ihren Blindenstock, der ihr jedoch nicht hilft, Hindernisse zu überwinden (E. Fust, mündliche Aussage). Bei Lichtsignalen hört sie auf das Piepen oder die Vibration, die sie an ihrer Handfläche spürt, wenn sie diese unter das gelbe Kästchen hält (E. Fust, mündliche Aussage). Was ihr jedoch schon immer grosse Schwierigkeiten bereitete, sind die vielen Treppen in Gossau (E. Fust, mündliche Aussage). Beim Friedhof, bei Restaurants und auch bei der Turnhalle, wo sie oft unterwegs ist, fehlen Rampen oder Handläufe, die nicht bis zur letzten Stufe reichen, sondern mitten auf der Treppe anfangen. Der Sinn dahinter ist für uns beide schwer verständlich – und ob es wirklich der Ästhetik schadet, können wir beide bezweifeln.
Meine Grossmutter hat sich jedoch selbst eine Methode entwickelt, ihren Weg zu finden. Kontraste sind für sie entscheidend, um sich im Raum zurechtzufinden (E. Fust, mündliche Aussage). Aber genauso wichtig sind Handläufe und Rampen (E. Fust, mündliche Aussage). Sie weiss mittlerweile genau, wo es Rampen gibt oder Treppen mit funktionalen Handläufen (E. Fust, mündliche Aussage). Besonders bemerkenswert ist, wie sie sich mit den Strukturen zurechtfindet, die sie nicht umgehen kann, indem sie sich an ihrer Erinnerung orientiert (E. Fust, mündliche Aussage). Sie zählt laut die Stufen, während ich hinter ihr gehe. Sie erstastet mit der Hand den Handlauf und mit dem Fuss die einzelnen Treppen. Ich erkenne, dass ihr Gedächtnis so gut ist, dass sie sich die Anzahl der Stufen merken kann, was ihr als Orientierung dient.
Diese Beobachtungen führen mich zu der Erkenntnis, dass an vielen Orten der Stadt noch nicht mitgedacht wird, um den Raum inklusiver zu gestalten. Wie Aimi Hamraie in ihrem Text über Architektur und Zugänglichkeit erklärt, werden Rampen oft als nachträgliche, sekundäre Lösungen behandelt, die lediglich für Menschen mit Behinderungen vorgesehen sind, während Treppen als Standardlösung für den Zugang zu verschiedenen Ebenen in einem Gebäude gelten (Hamraie, 2017). Designentscheidungen gehen oft von der Annahme aus, Nutzer*innen hätten „normale“ Körper, wodurch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ausgeschlossen werden (Hamraie, 2017). Rampen werden als weniger ästhetisch und funktional als Treppen betrachtet, was die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ignoriert (Hamraie, 2017). Für Menschen wie meine Grossmutter bedeutet dies den Verlust von Freiheit, Selbstständigkeit und letztlich auch die Ausgrenzung aus der Gesellschaft.
Meine Grossmutter erzählt mir, dass sie immer die Treppe in ihrem Wohnhaus geht – Stufe für Stufe, nach oben und nach unten (E. Fust, mündliche Aussage). Ihr treuer Begleiter ist der Handlauf, der sie sicher stützt. Doch leider endet der Handlauf bereits nach den ersten acht Stufen, bevor er sie bis zur letzten Stufe führt, die zum Eingang der Wohnung führt. Meine Grossmutter weiss genau, dass es neun Stufen gibt, dass die vorletzte Stufe die achte und die letzte Stufe die siebte ist (E. Fust, mündliche Aussage). Diese Zählung hilft ihr, sich zu orientieren. Doch der fehlende Handlauf an der letzten Stufe ist ein echtes Problem.
In dem Wohnhaus, in dem sie lebt, gibt es ein gutes Miteinander mit den anderen Bewohner:innen. Zusammen schrieben sie eine E-Mail an den Hausbesitzer, mit der Bitte, einen Handlauf bis zur letzten Stufe anzubringen (E. Fust, mündliche Aussage). Die Antwort des Hausbesitzers war ernüchternd: „Haben Sie noch weitere Wünsche?“ Es bleibt also unklar, ob der fehlende Handlauf je ergänzt wird (E. Fust, mündliche Aussage).
Mein Text soll aufzeigen, wie Architektur und Stadtplanung nicht nur Räume formen, sondern auch das Leben der Menschen in diesen Räumen beeinflussen – und wie die Marginalisierung von Menschen mit Behinderungen im Städtebau weiterhin Realität ist. Architektur und Stadtgestaltung sind niemals neutral, sie sind immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse, die oft unsichtbare Barrieren für bestimmte Gruppen schaffen.
Quellen
- Mündliche Aussage von Erika Fust am 24.11.2024
- De Certeau Michel: The Practice of Everyday Life, Walking in the City, Los Angeles, University of California Press, 1988
- Hamraie, Aimi: Building Access. Universal Design and the Politics of Disability. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2017
- Juhani, Pallasmaa: Die Haut der Architektur – Architektur und die Sinne, 2012, Atara Press, Los Angeles
- Abb. 1 – 6, eigene Aufnahmen
Foto: Carmen Fust
- Dozentin
Aylin Y Tschoepe
- Wissenschaftliche Mitarbeit
Maja Sendecki
- Studierende
Carmen Fust