Der unsichtbare Raum
2026 / Bachelor
Wie wir Räume jenseits des Sichtbaren erleben
Raum mit allen Sinnen verstehen
Wir leben in einer Zeit, in der Bilder unseren Alltag bestimmen. Digitale Medien, Social Media und Künstliche Intelligenz lenken unsere Aufmerksamkeit vor allem auf das, was sichtbar ist. Doch Räume entstehen nicht nur durch Wände, Böden und Decken. Sie werden ebenso durch Geräusche, Gerüche, Licht, Temperatur, Materialität, Bewegung und Erinnerungen geprägt.
Genau diesen oft übersehenen Qualitäten widmet sich das Semesterprojekt «Der unsichtbare Raum». Studierende des 4. Semesters untersuchen, wie das Unsichtbare erfahrbar gemacht werden kann – nicht durch schnelle Bilder, sondern durch unmittelbare Erfahrung, Aufmerksamkeit und eine tiefe Auseinandersetzung mit Material und dessen Herkunft.
Collage Projekt «Rhizom» von Amely Schmitt. Ein leuchtendes Netz aus Garn verwandelt den Hebelplatz in einen Ort der Begegnung und macht die Bedeutung von Verbundenheit im urbanen Raum erfahrbar.
Wahrnehmung als Methode
In der Einführungswoche nähern sich die Studierenden diesen Fragen durch einen Besuch im Kunsthaus Zürich sowie durch einen Workshop mit der blinden Journalistin Yvonne Scherrer. Im Kunsthaus setzen sie sich mit den Arbeiten von Wolfgang Laib und Lygia Clark auseinander, die Material, Körper und Wahrnehmung ins Zentrum stellen und neue Perspektiven auf Raum und Atmosphäre eröffnen.
Im anschliessenden Workshop im Horburgparking in Basel gibt Yvonne Scherrer Einblick in ihre Wahrnehmung der Welt. Gemeinsam erkunden die Studierenden den Raum, ohne sich auf das Sehen zu verlassen, und orientieren sich über Klang, Echo, Berührung, Temperatur und Bewegung. Dabei wird spürbar, wie stark unser Raumerleben von Sinneseindrücken geprägt ist, die oft unbemerkt bleiben.
Ergänzt wird dieser Zugang durch Atelier- und Praxisbesuche. Bei Vogt Landschaftsarchitektur lernen die Studierenden eine forschungsorientierte und interdisziplinäre Arbeitsweise kennen, die Landschaft als Zusammenspiel von Raum, Ökologie und Nutzung versteht. Der Besuch bei der Produktdesignerin und Bürstenbinderin Katharina Berger lenkt den Fokus auf Material. Ihre Arbeit mit lokalen Rohstoffen und traditionellen Handwerkstechniken verdeutlicht, wie eng Gestaltung mit Fragen nach Herkunft, Verarbeitung und dem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen verbunden ist.
Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für die weitere Arbeit im Semester. Sie schärfen das Bewusstsein für Wahrnehmung, Atmosphäre und Material. Darauf aufbauend entwickeln die Studierenden eigene experimentelle Forschungsansätze mit Materialstudien, Modellen und Film, um subtile räumliche Qualitäten sichtbar und erfahrbar zu machen.
Gestaltung beginnt mit Aufmerksamkeit
Atmosphäre gehört zu den zentralen Qualitäten von Raum. Trotzdem lässt sie sich kaum messen oder eindeutig beschreiben. Für angehende Gestalter ist es deshalb wichtig, Methoden zu entwickeln, um solche feinen räumlichen Phänomene wahrzunehmen, zu analysieren und gestalterisch zu nutzen.
Das Projekt schärft den Blick für die Beziehung zwischen Mensch, Raum und Material. Die Studierenden lernen, Materialien nicht nur nach Funktion oder Erscheinungsbild auszuwählen, sondern ihre Wirkung, Herkunft und ihren verantwortungsvollen Einsatz zu reflektieren. Gleichzeitig entwickeln sie eine Sensibilität für räumliche Stimmungen und für die unterschiedlichen Arten, wie Menschen ihre Umgebung erleben.
Die daraus entstehenden Arbeiten übersetzen persönliche Wahrnehmungen in räumliche Interventionen. So rekonstruiert die Installation «Imprint» Erinnerungen an Spuren, die Menschen in der Natur hinterlassen, und überträgt diese Erfahrungen in den urbanen Alltag. Die Arbeit lädt dazu ein, für einen Moment innezuhalten und die eigene Wahrnehmung bewusster zu erleben.«Harz Haut Herz» macht die Verletzlichkeit und Kostbarkeit des Waldes räumlich erfahrbar. Mit «Terra Morph» führt ein sensorischer Pfad durch das Dreispitzareal in Basel. Lehm wird dabei nicht nur als Baumaterial verstanden, sondern als Träger von Geschichten, Atmosphären und Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt.
Die Projekte zeigen, dass Gestaltung weit über das Sichtbare hinausgeht. Sie machen deutlich, wie eng Wahrnehmung, Material und Raum miteinander verbunden sind – und wie wichtig es ist, in einer zunehmend digitalen Welt auch die anderen Sinne bewusst einzubeziehen.
- Dozentin:
Eva Hauck
- Wissenschaftliche Assistenz:
Jessica Serrano
- Studierende:
Amely Schmitt, Anja Drexler, Catalina De Angelis, Dominik Jost, Joel Kunsch, Lilly Gut, Lisbel Pedrazzi, Luisa Brandenberg, Natalija Krivokapic, Nathalie Hanke, Sebastiano Margiotta, Seline Klaiber, Valeria Favatà
- Expert:innen:
Yvonne Scherer, Journalistin, Autorin und Duftexpertin
Thomas Kissling, Vogt Landschaftsachitektur
Katharina Berger, Verein Die Bürste
Eva Wandeler, Dozentin ZHdK und Künstlerin